Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen.  
(Yehudi Menuhin)

 
Ich wünsche mir,  dass wir dem Singen wieder einen festen Platz in unserem Alltag einräumen. Dass bei Festen mit der Familie oder Freunden wieder gemeinsam gesungen wird - auch ohne Instrumentalbegleitung. Dass wir uns entfernen von unserem Perfektions- und Leistungsanspruch in der Musik - ständig präsent durch die Medien. Weg vom nur passiven Zuhören hin zum Singen, "wie uns der Schnabel gewachsen ist". Der individuelle Ausdruck durch die Stimme sollte nicht den "Superstars", professionellen Sängern und Künstlern vorbehalten sein. Wir alle haben unsere einzigartige Stimme, die unsere persönliche Geschichte erzählt und die hörbar gemacht und gehört werden will.  

 

Ich wünsche mir, dass wir unsere Stimme als wichtigen Teil unserer Persönlichkeit begreifen und lieben lernen. Dass wir uns auch hier nicht mit anderen vergleichen und uns dann beurteilen - und klein machen. Dass Lehrer und Eltern unsere Kinder nicht kritisieren, wenn diese frei und natürlich singen. Im Laufe unseres Lebens lernen wir, uns zu verschließen, uns eine Schutzschicht zuzulegen. Häufig wirkt sich dies nicht nur einschränkend auf unsere Persönlichkeit, sondern auch auf den Klang unserer Stimme aus. 

 

Kinder, die mit Freude singen und sprechen werden leider oft zurechtgewiesen, aufgefordert „den Ton zu treffen“, richtig zu singen, still zu sein oder leiser sprechen, sich anders auszudrücken. Dann sollen sie vor Publikum etwas vortragen – z. B. vor der Schulklasse ein Gedicht vortragen oder zu Omas Geburtstag ein Lied vorsingen. Auch Kinder spüren die Anspruchshaltung, die hohen Erwartungen, die auf ihrer Darbietung ruhen. Der Atem geht schneller, die Körperhaltung ändert sich, Stressgefühle entstehen. Arme werden verschränkt, es wird nervös gezappelt, schnell und unbeteiligt gesprochen, gestockt, Blickkontakt vermieden. Der lebendige Ausdruck, die Freude an der Schönheit der Melodie oder des Textes, der Spaß an der Selbstdarstellung ist plötzlich verschwunden.

 

Diese Erfahrungen sitzen uns auch als Erwachsene noch in den Knochen. Aber die kindliche Lebendigkeit ist immer noch in uns! Wir können sie wieder wecken. Zum Beispiel indem wir einen Text oder ein Lied mit der bewussten Haltung des kindlichen Staunens sprechen und singen! Ganz ohne Selbstzensur und Anstrengung. Wenn wir in dieses Gefühl des Staunens gehen, dann regulieren sich unsere Atmung und Haltung von selbst und unsere Stimme wird wieder offener und voller.  

 

"Unsere sonderbaren Vorstellungen, unsere verrückten Ziele, unsere unsinnigen Ängste, unsere großartigen Erwartungen, unsere dummen Angewohnheiten, unsere eitle Unachtsamkeit, unsere unverzeihliche Rücksichtslosigkeit, unser beißender Neid und unsere nagende Missgunst – all das sind in Wirklichkeit gar nicht wir selbst.

All das haben wir ja nur von anderen Menschen übernommen, die es auch nicht besser wussten und konnten. Unser wahres Selbst ist immer noch die sprudelnde Quelle und der klare Bach, die wir damals, zu Beginn unseres Lebensweges, einmal waren (…). Wie viele Schätze braucht der Mensch? Nur diesen einen: In sich selbst das Kind wieder zu finden, das man einmal war. Im tiefsten Grunde ist es die Liebe."   
Gerald Hüther in Prekop/Hüther: Auf Schatzsuche bei unseren Kindern. Ein Entdeckungsbuch für neugierige Eltern und Erzieher. München 2006

 

Es gibt für mich keinen schöneren Weg als das gemeinsame Singen, um die Liebe zum Leben und Verbundenheit mit allen Lebewesen auf dieser Erde auszudrücken. Die "Singing Family" wächst grenzüberschreitend. Wir können uns durch diese Art des gelassenen, freudigen, urteilsfreien Singens neu begegnen. Denn gemeinsam zu singen öffnet die Herzen füreinander. 

 

Ich habe ein Lied 

und Du ein Anderes. 
Jeder hat ein Lied um die Leere der Herzen zu füllen. 
In der Schatzkammer der Seele 
liegt ein Schatz verborgen, 
den singt man nicht laut. 
Du und ich, 
wir müssen ihn inwendig zum Klingen bringen, 
eine Saite spannen vom Herzen zum Verstand. 
So singen wir die Welt 
leise zum Himmel empor. 

Salishan

 

 

"Wenn ich nochmals beginnen könnte, 

möchte ich es wagen, mehr Fehler zu machen. 

Ich möchte entspannt sein, warm und wilder werden als diesmal. 

Ich würde nur noch wenige Dinge wirklich ernst nehmen. 

Ich möchte mutiger sein. 

Ich würde mehr Berge besteigen, 

mehr Flüsse durchschwimmen und 

mehr Sonnenuntergänge geniessen. 

Ich würde mehr Eis essen und weniger Bohnen. 

Ich würde mich mehr um richtige Probleme kümmern und 

weniger um eingebildete. Verstehst Du ? 

Ich bin eine von denen gewesen, die prophylaktisch gelebt hat, 

vernünftig und nett, Stunde um Stunde, Tag um Tag. 

Doch, doch, ich habe meine guten Augenblicke gehabt, 

aber wenn ich das Ganze nochmals beginnen könnte, 

so würde ich dafür sorgen, dass sie viel häufiger wären. 

Eigentlich möchte ich probieren, nichts anderes zu haben als 

Augenblicke im «Jetzt», einen nach dem anderen, 

statt so viele Jahre lang immer der Zukunft entgegen zu leben. 

Ich war eine von denen, die nirgends hinging 

ohne Thermometer, Gurgelwasser und Wärmeflasche, 

Mantel und Regenschirm. 

Wenn ich neu anfangen könnte, 

würde ich mit weniger Ballast reisen. 

Ich würde früher im Jahr barfuss gehen, 

und länger im Herbst noch. 

Ich würde öfter Karussell fahren 

und immer wieder mein Glück versuchen, 

mehr Menschen grüssen, 

mehr Blumen pflücken und viel öfter tanzen. 

Ja, wenn ich nochmals anfangen könnte. - Aber du weisst, das kann ich nicht." 

(Geschrieben von der Schriftstellerin und Psychologin Virginia Satir, 84 jährig, kurz vor ihrem Sterben, Übersetzer unbekannt.)